DOWNLOAD MP3
2007 | 1995

DOWNLOAD Plan Walk 07-PDF
Eine kritische Wi(e)der-Begehung historischer Wohnanlagen des Roten Wien (1919-1934) Margarethengürtel, 5. Bezirk


Schwerpunkt dieser Tour ist die Nutzungsgeschichte der Gemeinschaftseinrichtungen der Wohnanlagen des Roten Wien (1919-1934) in jenem Bereich des Gürtels, der als "Ringstrasse des Proletariats" in die sozialdemokratische Geschichtsschreibung eingegangen ist. Es kann zwischen dem ästhetischen Blickwinkel des Architektur- und Kunsthistorikers (1995) und dem sozialpolitischen Kommentar des Kulturhistorikers (2007) gewählt werden.

2 Routen mit Prologen, Epilogen und jeweils 12 Stopps. s

Photo: Martin Gerlach @ Wiener Stadt- und Landesarchiv

Anfahrt mit Öffentlichen Verkehrsmittel: Straßenbahnlinie 8 und 18 oder Bus 59A bis zur Station Arbeitergasse
Beginn jeweils am Mittelstreifen des Margarethengürtels gegenüber dem Reumannhof.

Tonspur Walk 1995: Christian Muhr
Tonspur Walk 2007: Michael Zinganel

Die Tour repräsentiert eine kritisch kommentierte Rekonstruktion einer von 5 Führungen, die als Teil eines umfangreicheren Projektes bereits im Jahr 1995 begangen wurden.

Nähere Informationen dazu: http://www.zinganel.mur.at/leerst.html





Gemeinschaftseinrichtungen wie Zentralwaschanlagen, Kindergärten, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, Bibliotheken, Kinos, Vereins- und Parteilokale waren baulich akzentuiert an prominenten Stellen im Verband der "Superblocks", der großen Wohnhöfe des Roten Wien, integriert. Sie zielten nicht nur auf die Entwicklung der Hofgemeinschaft und eines kulturellen Selbstbewusstseins der "Neuen Klasse" sondern stellten auch subtile Kontrollinstrumente dar, denn anstelle möglicher Selbstorganisation trat von Anfang an die gezielte Organisation durch die Institutionen der Gemeinde Wien, die mit jenen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gleichzusetzen waren.
Technische Neuerungen in der Haushalts- und Kommunikationstechnik, Veränderungen des Freizeitverhaltens (vor allem durch das Fernsehen) und die zunehmende Individualisierung haben entweder Neunutzungen herbeigeführt oder tatsächlich räumliche und ideologische "Leerstellen" hinterlassen. Zuerst wurden freiwerdende Flächen beispielsweise von der expandierenden Konsumgenossenschaft für deren Einkaufsmärkte oder vom Arbeitersportklub für dessen sportliche Einrichtungen besetzt. Die vielen kleinen Nahversorgungslokale wurden für den aktuellen Bedarf des Einzelhandels immer weniger geeignet. Zum Teil standen Räumlichkeiten seit Jahren leer, ohne dass sich Initiativen zu einer Aneignung erkennen ließen – und in manchen Fällen ist sogar die Existenz ehemaliger politischer Versammlungsräume völlig in Vergessenheit geraten.

Am Margarethengürtel entstand eine extrem hohe Konzentration an Wohnhöfen, in denen auf engstem Raum die räumlichen Strukturen für alle Typologien von Gemeinschaftseinrichtungen aus der Zeit des Roten Wien wieder zu finden sind: während ein monumentales Waschhaus tatsächlich noch in Betrieb ist, sind fast alle anderen Einrichtungen einer Neunutzung unterzogen worden. Das Bezirksjugendamt beispielsweise wurde durch eine Polizeiwachstube ersetzt. Die zuletzt neu implantierten Gemeinschaftseinrichtungen sind Tiefgaragen für die individuellen PKW und eine Vielzahl an Sportkäfigen am Mittelstreifen des Gürtels…

Michael Zinganel arbeitet als Architekturtheoretiker, bildender Künstler und Kurator in Graz und Wien. Architekturstudium an der TU Graz, Postgraduate am Fine Arts Department der Jan van Eyck Akademie Maastricht, Dissertation in Geschichte an der Universität Wien. Lehraufträge und Gastprofessuren an unterschiedlichen Universitäten. Ausstellungen und Vorträge im In- und Ausland. Arbeitsschwerpunkte u.a. "Die Produktivitätkraft des Verbrechens für die Entwicklung von Sicherheitstechnik, Architektur und Städteplanung" und zuletzt "Tourismus als Motor des transnationalen Kulturtransfers".